Moment mal - Dem Herrn den Weg bereiten

„Eine Stimme ruft in der Wüste:
Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!
Jede Schlucht soll aufgefüllt werden,
jeder Berg und Hügel sich senken.
Was krumm ist, soll gerade werden,
was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden“
Lk 3, 4-5

Liebe Leserin, lieber Leser,
mit diesen Versen kündigt der Evangelist Lukas am zweiten Adventssonntag das Kommen Gottes in diese Welt an. Und wir? Wir sollen Wegbereiter sein, ihm die Straßen ebnen, damit das Heil Gottes in dieser Welt sichtbar ankommen kann. Mit anderen Worten gesagt: Gott braucht uns Menschen, jeden von uns, damit sein Heil sichtbar werden kann. Gerade der Advent als hektische Vorweihnachtszeit mahnt uns aufmerksam mit uns, unserer Welt, unseren Mitmenschen umzugehen, damit das, was wir an Weihnachten feiern – die Menschwerdung Gottes – in und durch uns geschehen kann.
Vielleicht hilft Ihnen folgende Geschichte dabei diesen Advent bewusster, intensiver und erfüllter zu gestalten:
Als eine Mutter ihrem Sohn etwas verbot, was dieser sich sehr wünscht, da rannte er wutentbrannt aus dem Haus und rief: „Ich hasse dich, ich hasse dich.“ Aus dem nahegelegenen Wald kam zurück: „Ich hasse dich, ich hasse dich.“ Da rannte der Junge verängstigt zu seiner Mutter: „Mami, Mami, da ist ein Junge, der sagt, dass er mich hasst.“ Liebevoll nahm die Mutter ihren Sohn bei der Hand, ging mit ihm vor das Haus und sagte: „Sag ihm: Ich liebe dich, ich liebe dich.“
Senden wir Argwohn und Misstrauen aus, dann werden uns andere Menschen ebenso begegnen. Senden wir dagegen ein Lächeln oder ein freundliches Wort, so werden wir dies sehr oft zurückbekommen. Ein freundliches Wort, ein Kompliment oder ein Lächeln gehen nicht verloren. Sie kehren immer wieder zu uns zurück. Das Leben ist ein Echo.
(Dr. Rolf Merkle, gefunden in: psychotipps.com/positives-echo.html)
An Weihnachten hat Gott sein schönstes, sein tieftes Wort zu uns gesprochen: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.
In diesem Sinne Ihnen eine gute Vorweihnachtszeit, einen gesegneten Advent!
Ihr Thomas Hertlein, Pfarrer

Moment mal - Ein Licht entzünden

Besonders heute braucht es Menschen, die gegen den Strom schwimmen, die deutlich Nein sagen, wenn alle Ja schreien, oder die dennoch Ja sagen, wenn nur noch Nein zu hören ist. Manchmal braucht es Frauen und Männer, die über den Tag hinaus denken, Visionen haben, sich für Gerechtigkeit einsetzen und auf der Seite der Armen und Schwachen stehen.
Manchmal wäre ich gerne einer von jenen, die sich nicht den Mund verbieten lassen. Sie schweigen nicht, wenn Menschenrechte mit den Füßen getreten werden, wenn sich wieder alte und dunkle Parolen in Deutschland ausbreiten. Ich möchte nicht vom Rand aus nur beobachten, nicht schweigen, weil niemand zuhört, nicht resignieren, weil man doch nichts machen kann.
Ich bewundere jene Frauen und Männer, die reden, trotz der Schreier, die anpacken, auch wenn es vergeblich scheint, die dennoch Zeichen setzen, trotz des Gegenwindes. Für mich sind das Prophetinnen und Propheten einer Welt, die niemanden ausschließt und einer Wirklichkeit, die möglich sein kann, wenn wir nur wollen.
Der Advent ist die Zeit der Propheten. Die Bibel kennt viele Frauen und Männer, die nicht still hielten, die den Mächtigen ins Gewissen redeten. Sie nannten das Unrecht beim Namen und scheuten sich auch nicht, die eigene Religion zu kritisieren, wenn sie im Kult erstarrt war und sie die Menschen aus den Augen verloren hatte.
Ich denke da an Amos, der gegen Betrug und Unterdrückung der Benachteiligten wetterte. Ich denke an Elija, der sein gewalttätiges Gottesbild ablegte und sich neu von Gott überraschen ließ; an Debora, die unter ihrem Volk Recht gesprochen hat. Propheten sind für mich Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer, die sich gegen das braune Gedankengebäude gestellt haben und dafür sogar in den Tod gegangen sind. Heute sind es jene Menschen, die sich für die Umwelt, für Gerechtigkeit, für bessere Zukunftschancen und für eine Welt einsetzen, die Lebensraum für alle schenkt.
Die Tage werden jetzt immer kürzer und die Nächte immer länger. Das ist typisch für den Advent. Die unzähligen Prophetinnen und Propheten haben durch ihr Engagement sinnbildlich Zeichen gegen die Dunkelheit gesetzt. Sie zeigen mir, dass in jedem Menschen eine Kraft steckt, die uns hilft, die Visionen umzusetzen, damit die Finsternis nicht das letzte Wort haben muss.
Auch ein Prophet, nämlich Konfuzius, hat einmal sinngemäß gesagt: „Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.“ Das will ich zeichenhaft am ersten Advent tun. Ich wünsche Ihnen eine gesegnet Zeit.
Wolfram Rösch, Pastoralreferent

Moment mal - Allerheilgen: Keiner gerät in Vergessenheit

Schon Anfang des vierten Jahrhunderts nach Christus stand die Kirche vor einem Problem: Es gab inzwischen so viele Heilige, dass die Tage, die ein Jahr hat, einfach nicht mehr ausreichten, wenn man für jeden von ihnen einen eigenen Gedenktag feiern wollte. Damit keiner vergessen wurde, legte man kurz entschlossen einen Tag fest, an dem man aller Heiligen gedenken konnte: Das Fest „Allerheiligen“ war geboren.
Mir gefällt der Gedanke, dass keiner dieser besonderen Menschen, die wir „Heilige“ nennen, in Vergessenheit geraten soll. Es sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ihren ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, Hintergründen und Temperamenten, und  sicher nicht alle mit perfektem Lebenslauf.  Das Leben mancher Heiligen früherer Tage erscheint uns zwar heute vielleicht fremd und irritierend, und mit mancher Form der Verehrung kommen viele Menschen heutzutage nicht mit. Aber darauf kommt es mir auch gar nicht an. Denn eines haben sie gemeinsam, die Heiligen: Sie haben die Welt ein bisschen zum Guten hin verändert, alle auf ihre ganz eigene Weise.
Die Welt, wie sie sein soll
Der Physiker und  Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Man kann in dieser Welt, wie sie ist, nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll.“ Ich glaube, dass Heilige Menschen sind, die voll Leidenschaft genau daran glauben. Sie finden sich nicht ab mit der Welt, wie sie ist, sondern vertrauen auf die Verheißung Gottes: eine Welt, in der ein Leben in Frieden, Gerechtigkeit und im Einklang mit der Schöpfung möglich ist.
Und sie sind Menschen, die aus diesem Glauben heraus leidenschaftlich daran mitarbeiten, dass unsere Welt so wird, wie sie sein soll. Sie stellen ihre Kraft in den Dienst ihrer armen oder kranken Mitmenschen, setzen sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung ein und riskieren dabei mitunter ihr Leben, oder engagieren sich auf verschiedenste Weise dafür, dass Menschen menschenwürdig leben können.  Und so lassen sie etwas von der Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung erfahrbar werden.
Heilige gleich nebenan
Seit im vierten Jahrhundert  Allerheiligen „erfunden“ wurde, sind noch viele Menschen hinzugekommen, die offiziell heilig gesprochen worden sind. Aber ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr gibt, die wir gar nicht mit Namen kennen, vielleicht sogar gleich nebenan. Darum ist es gut, wenn wir dieses Fest feiern und damit auch ihnen unsere Achtung erweisen. Und vielleicht lassen wir uns ja auch ein bisschen von ihnen anstecken.
Pastoralreferentin Gaby Hüben-Rösch

Moment mal - Fronleichnam: Mahl der Liebe

Bezeichnend für das Leben und Wirken Jesu sind zweifellos seine Mahlfeiern. In den Evangelien erfahren wir von vielen Gelegenheiten, bei denen Jesus mit Menschen gegessen und getrunken hat. Das Ganze war in den Augen mancher Frommen nicht unumstritten. Denn Jesu Feiern stießen an, weil sie keine Grenzen kannten - jeder war eingeladen und niemand ausgeschlossen. Ein Mahl konnte - wie bei Zachäus - Vergebung stiften und dem Leben eine neue Richtung schenken. Ein andermal steht diese Feier am Ende eines langen Versöhnungsweges wie im Gleichnis vom barmherzigen Vater und gibt dadurch ein Zeichen für die neue Wirklichkeit Gottes.
Wenn Jesus ein Mahl feierte, oder davon sprach, so ging das immer über die bloße Aufnahme von Nahrung hinaus, so war das nie nur ein gemütliches Beisammensein mit Imbiss, sondern Jesus öffnete den Menschen die Augen für eine tiefere, göttliche Wirklichkeit, die hier schon ihren Anfang nahm.
Das sonntägliche Herrenmahl oder das Brotbrechen prägte schon bald die frühe christliche Gemeinde innerhalb des Judentums. Aber es ist kein gewöhnliches Mahl, das die Menschen damals feierten, sondern sie erinnerten sich an Jesu Worte und Zeichen. Doch es blieb nicht bei der bloßen Erinnerung, sondern die Christinnen und Christen glaubten fest daran, dass der Auferstandene im Zeichen von Brot und Wein in seiner Gemeinde gegenwärtig ist. Sie feierten Jesu Vermächtnis: Wie das Brot gebrochen und der Wein verteilt werden, so hat er sich selbst für die Menschen hingegeben.
Im Mahl zeigte Jesus, wofür er gesandt war, nämlich das Verlorene in die Heilsgemeinschaft aufzunehmen und das neue Gottesvolk zu versammeln. Hier gab es kein oben und unten, gesellschaftliche Schranken fielen und jeder erlebte, dass hier Vergebung stattfand. Durch Jesu Mahl konnte man von Schuld befreit und aufrecht wieder durchs Leben gehen. Aber wie sieht es heute aus? In der Tat ist die Eucharistie eher zu einem Ausschlusskriterium geworden. Wir erleben die schmerzliche Trennungslinie, die zwischen den Konfessionen steht. Ein gemeinschaftliches Mahl ist leider noch nicht möglich.
Wenn wir an Fronleichnam feierlich mit der Eucharistie durch die Straßen ziehen, so erinnern wir an das neue Leben, das Jesus uns in diesem Zeichen eröffnet hat. Wie das Brot und der Wein, wird auch unser Leben verwandelt werden. In diesen Zeichen werden Grenzen und Gräben zwischen den Menschen überwunden und so finden hier Mystik und Politik, Glaube und aktives Handeln zusammen. Jesu Botschaft drängt nach außen und möchte in die Tat umgesetzt werden. Und so dürfen und müssen wir im Sinne Jesu die Welt zum Guten verwandeln.

Informationen zum Gottesdienst:
Das Fest beginnt um 9.30 Uhr mit einer Eucharistiefeier in St. Maria, Hessental. Daran schließt sich die Prozession zur Stiftskirche St. Nikolaus an. Für Familien fängt um 10.30 Uhr am Hessentaler Kreuz in der Alten Hessentaler Straße ein eigener Gottesdienst an, wo später die Prozession vorbeikommt. An den feierlichen Schlusssegen auf der Comburg schließt sich das Gemeindefest mit Mittagessen, Kaffee und Kuchen auf der Wiese unterhalb an. Bei schlechtem Wetter ist es in der nahegelegenen Max-Kade-Halle.

Wolfram Rösch

Moment mal - Impuls an Pfingsten

Glauben Sie an Wunder? Ich muss zugeben, ich bin mir nicht sicher. Auf der einen Seite bin ich ein Mensch, der alles hinterfragt und erklären möchte. Da haben Wunder eigentlich gar keinen Platz. Auf der anderen Seite ertappe ich mich schon manchmal dabei, wie ich mir immer mal wieder so ein kleines Wunder herbeisehne. Als zum Beispiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Deutschland gegen Italien verloren hat, habe ich in den letzten Minuten vor Abpfiff des Spiels mit tausenden von Menschen beim Public-Viewing auf ein Wunder gehofft. Oder bei der schweren Krankheit einer Freundin haben wir gemeinsam um ein Wunder gebetet. Die Bibel erzählt uns dieses Wochenende vom Pfingstwunder. In der Apostelgeschichte kommen Feuerzungen auf die Jünger herab, sodass jeder plötzlich eine fremde Sprache spricht. So waren die Jünger befähigt, überall in der Welt anderen in deren Muttersprache die Botschaft Jesu zu erzählen. Kennen wir das nicht auch, wenn wir das Gefühl haben, dass jemand sprichwörtlich unsere Sprache spricht? Man könnte auch sagen, jemand spricht uns aus dem Herzen. Wenn zwei Menschen dieselbe Sprache sprechen, dann kann daraus etwas Wunderbares entstehen. Nicht umsonst heißt es, dass Verliebte blind vor Liebe sind. Wenn Herzen sprechen, wird das Sehen nebensächlich. Manchmal im Leben braucht es auch jemanden, der mich in seiner ganz eigenen Sprache anspricht und dessen Botschaft gerade deshalb bei mir ganz tief ankommt. Und so zeigt das Sprachenwunder von Pfingsten, dass die eigentlich Wunder die sind, die mein Leben im positiven Sinne durcheinander bringen, weil die Botschaft bei mir ankommt. Wunder gibt es immer wieder, singt Katja Ebstein. Ein Wunder meint zunächst einmal die Durchbrechung festgelegter Erwartungen. Da passiert etwas, was eigentlich unmöglich scheint. Etwas, dass uns regelrecht verwundert. Für religiöse Menschen meint Wunder aber noch etwas anderes. Für sie sind diese Erfahrungen, die den eigentlichen Rahmen alles Menschlichen sprengen, Zeichen von Gott. Wunderbare Momente machen uns deutlich, dass es mehr gibt, als das, was wir erfassen und begreifen können. An Wunder glauben könnte also heißen, dem Unerklärbaren in unserem Leben einen Raum zu geben. Und das hoffentlich immer wieder!

Vanessa Hinrichs

Momentmal - der Impuls zum Weißen Sonntag: Schätze entdecken

Wer sammelt nicht gerne Schätze? Es scheint, ein zeitloses Phänomen zu sein, sich von dem Geheimnisvollen und Aufregenden einer Schatzsuche anstecken zu lassen. Damals wie heute, ob jung oder alt ob analog oder digital mit Geocaching brechen Menschen auf, um Schätze zu entdecken. In und um Schwäbisch Hall sind knapp 60 Kinder in den fünf Gemeinden der Gesamtkirchengemeinde aufgebrochen, um mit Jesus Schätze zu entdecken. Auf ihrem Weg konnten sie den großen Reichtum und das Kostbare des christlichen Glaubens entdecken: ihre eigene Taufe und die Zusage Gottes „du bist mein geliebtes Kind“ erinnern, gelebten Glauben aus verschiedenen Perspektiven erfahren, Gemeinschaft erleben und Glaubenszeugen von heute kennenlernen. Das große Etappenziel für die Kinder ist an den Sonntagen nach Ostern die Feier der Erstkommunion. Hier werden sie zum ersten Mal Anteil haben an dem besonders kostbaren Schatz des christlichen Glaubens, der Eucharistie. Das Herzstück der christlichen Religion, die Beziehung, wird hier in verdichteter Weise erfahrbar – als Mahlgemeinschaft untereinander und als Beziehungsgeschehen zwischen Jesus und mir. Wir erinnern uns an das Abendmahl Jesu, das er mit seinen Jüngern gefeiert hat. Es sollte sein letztes sein und er hat sich mit seiner ganzen Person und seinem ganzen Leben hineingegeben. Als Zeichen nahm er Brot und Wein, die zentralen Symbole der jüdischen Pascha Feier. Nur mit dem Unterschied, dass sie nun nicht mehr ausschließlich auf die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens hinwiesen, sondern darüber hinausgingen. Jesus bezog Brot und Wein auf sich: das bin ich für Euch. Bestätigt wurden diese Zeichen durch die Auferstehung. Nun wurden Brot und Wein zum lebendigen Symbol der Befreiung aus dem Tod, zum Zeichen Jesu geheimnisvoller Gegenwart.
Hier vollendet sich das wertvolle Beziehungsgeschehen Gottes mit dem Menschen. Gott bleibt eben keine abstrakte Größe, sondern ist ein Gegenüber, ein Du. In unüberbietbarer Weise zeigt sich das in der Person Jesus von Nazareth, in dem Gott den Menschen so nah kommt, dass er sogar selbst einer von ihnen wird und sich ihnen ganz hingibt. Mit ihm, dem Christus, wird Gottes neue Welt konkret erfahrbar, in der Hungernde satt und Kleine wichtig werden, Ausgeschlossene dabei sind und Weinende lachen. Jedes Mal, wenn wir miteinander Mahl feiern leuchtet etwas von dieser neuen Welt auf. Die Eucharistie ist sozusagen eine Kostprobe von dem, was kommen wird. Wir sind zwar äußerlich immer noch die Gleichen, doch darf sich in unserem Inneren etwas verändern, bzw. verwandeln. Nicht nur Brot und Wein werden zu mehr, als sie zu sein scheinen. Auch für uns Mitfeiernde geht es um Wandlung, darum immer mehr der Mensch zu werden, als der mich Gott gedacht hat und seine Idee von der Welt ein Stück mehr Wirklichkeit werden zu lassen. Dieser Prozess ist wohl nie abgeschlossen, stattdessen ist es wie eine Schatzsuche auf der wir das ganze Leben unterwegs sind. Das Feiern der Eucharistie sind wie Edelsteine auf dem Weg hin zu dem überwältigenden Schatz von Gottes neuer Welt, in der Hungernde und Satte, Kleine und Wichtige, Weinende und Lachende und Ausgeschlossene gemeinsam Mahl feiern.

Eva-Mira Laux

Moment mal - der Impuls zu Ostern: trotzdem ja zum Leben sagen

Fritz Löhner-Beda war einer der Großen seiner Zeit: geboren in Böhmen, aufgewachsen in Wien, studierte er Jura und lebte später als freier Schriftsteller. Seine Liedtexte waren bekannt und gefürchtet. Er nahm die herrschenden Zustände humoristisch aufs Korn. Die Operettenkomponisten schätzen ihn und vertonten seine Stücke. Theaterdirektoren hofften auf einen Kassenschlager, wenn sein Name auf dem Plakat stand. Auch im Kabarett fanden seine bissig-ironischen Worte großen Anklang. Die Menschen lachten über seine Doppeldeutigkeiten. Besonders bekannt sind seine Schlager „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“. Alles hätte so weitergehen können wie bisher. Getreu dem Motto eines anderen Textes von ihm: „Freunde, das Leben ist lebenswert“.
Doch plötzlich änderten sich die Zeiten. In Österreich wuchs die Begeisterung für rechte Kräfte. Der sogenannte Anschluss an Deutschland 1938 war für viele nur noch eine Formsache. War er erst noch ein Star, so fiel er jetzt ganz tief. Er war Jude und in den Juden hatte man einen Sündenbock gefunden für die Niederlage im Ersten Weltkrieg und für alles, was schief lief. Das hieß: Arbeitsverbot und sein Name verschwand von den Operetten, die man nach wie vor spielte; schließlich Verhaftung und Deportation.
Im letzten Sommer bin ich Löhner-Beda im Konzentrationslager Buchenwald begegnet. Es war nur ein kleines Blatt Papier, an den Rändern eingerissen und kaum größer als Din A-5. Ich fand es ausgestellt in einer Vitrine. Auf dem Papier hatte jemand mit Tinte das Buchenwaldlied geschrieben, das der Dichter verfasst hatte. Den Häftlingen half es auf dem Weg zu ihrer menschenunwürdigen Arbeit. Sie sangen es in der Marschkolonne und die Zeilen gaben ihnen Kraft und Hoffnung, dass sie einmal frei sein werden. Der Dichter erlebte die Befreiung nicht. 1942 wurde er in Ausschwitz ermordet, schlicht weil seine Arbeitsleistung den Schergen zu niedrig war.
Das Konzentrationslager Buchenwald ist ein Ort der menschlichen Grausamkeit, des Mordens und des unvorstellbaren Leids. Hier ist für mich als Christ die dunkle Nacht der Gottesferne des Karfreitags und des Karsamstags sichtbar. Hängen geblieben bin ich aber am Refrain des Buchenwaldliedes. Immer noch gut lesbar steht da ganz deutlich: „wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen“.
Ob bewusst oder unbewusst hat für mich Fritz Löhner-Beda in ganz dichter Form das auf den Punkt gebracht, um was es in meinem christlichen Glauben geht. Ostern, das heißt für mich: Trotzdem ja zum Leben sagen.

Wolfram Rösch

Moment mal - Der Impuls zu Karfreitag: Eine Liebe, die stärker ist als Angst und Tod

Das Kreuz verändert die Perspektive. Gott ist nicht fern, befremdlich, abwesend. In der absoluten Ohnmacht, in der Dunkelheit des Todes, im Verstummen aller Erklärungsversuche, in der Niederlage ist Gott besonders nahe. Weil – so hat es der christliche Glaube schon immer gedeutet – Gott in Jesus einer von uns wurde, ein Mensch wie du und ich.
Zwar ist es ein Angebot, doch kann auf dieser Grundlage kann ein neuer Deutungshorizont des Geschehens auf Golgota entstehen. Gott braucht keine Opfer, die ihn gnädig stimmen. Schon im Alten Testament wird diese Tendenz deutlich, indem Gott all die Brandopfer ablehnt, die ihm dargebracht werden. Stiere und Böcke sind für ihn Schall und Rauch. Er braucht das nicht, weil es ihm schon längst gehört. Gott möchte Opfer des Dankes, das heißt, dass man sich in ein vertrauensvolles Verhältnis mit ihm begibt, positiv mit ihm rechnet, sich in ihm geborgen weiß. Denn, so lässt der Psalm 50 Gott selbst sprechen: „Ruf mich an am Tag der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren.“
Das Kreuz nötigt zu einem Umdenken und lenkt den Blick zu den Menschen, zu denen, die heute ans Kreuz geschlagen werden: die Opfer in Frankreich: die Jüdin und der Polizist, die durch Bomben Getöteten. Vor das Kreuz können wir unsere eigene Ohnmacht, unsere Sprach- und Fassungslosigkeit bringen.
Am Kreuz enden alle menschlichen Lösungsversuche. Was von Jesus und seiner endlichen Menschenmacht her möglich ist, ist ausgeschöpft. Angesichts dieser Ausweglosigkeit bleibt nur das Vertrauen und das Sich-Ausliefern in Gottes Wirklichkeit hinein. Wo Menschen am Ende sind und nichts mehr machen können, wo nicht nur die Macht der Macher zusammenbricht, sondern auch die Macht des Menschensohnes zu Ende ist, bleibt die Hoffnung auf die einzig rettende Macht Gottes.
Wer sich darauf einlässt, sich der Dunkelheit des Todes stellt, das Grauen beim Namen nennt, die Ohnmacht nicht übertüncht oder schönredet, für den kann das Kreuz zum Zeichen der Nähe Gottes werden. Jesus hat in seinem Leben und dem Tod das Dunkle und Irrationale in sich aufgenommen und geheilt. Menschen müssen sich ihr Leiden nicht mehr als Strafe oder als blindes und absurdes Schicksal erklären. Wer in der Liebe zu sich selbst, zu den Menschen und dadurch zu Gott treu bleibt, ist ein Zeichen für die Hoffnung, dass es eine Liebe gibt, die stärker ist als Angst und Tod.

Wolfram Rösch

"Moment mal" - Impuls zum Palmsonntag

Ein Esel …

 

Süß, aber nicht richtig ernst zu nehmen.

Treu, störrisch, ausdauernd, laut.

Ein Armer-Leute-Pferd.

Wer auf einem Esel reitet, der muss schon selbst … !

 

Und plötzlich sind da Palmen und Kleider als roter Teppich.

Weil Menschen spüren:

Da kommt einer von uns;

und er kommt im Namen des Herrn.

Großartig!

Göttlich!

Ulrich Müller-Elsasser

Moment mal zum vierten Fastensonntag - Umkehr ist möglich

Auch alle führenden Männer Judas und die Priester und das Volk begingen viel Untreue. Sie ahmten die Gräueltaten der Völker nach und entweihten das Haus, das der HERR in Jerusalem zu seinem Heiligtum gemacht hatte.Immer wieder hatte der HERR, der Gott ihrer Väter, sie durch seine Boten gewarnt; denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. Sie aber verhöhnten die Boten Gottes, verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten, bis der Zorn des HERRN gegen sein Volk so groß wurde, dass es keine Heilung mehr gab. (2 Buch der Chronik 36,14-16)

Religion schützt nicht vor Untaten. Die Gläubigen benehmen sich nicht anders als die sogenannten Heiden. Die Heilige Schrift schien zur bloßen Folklore verkommen zu sein. Die Worte, die darin standen waren jedenfalls leer und inhaltlos geworden. Der Tempel war – um in den Worten des letzten Sonntags zu bleiben – zur Räuberhöhle verfallen.
Prophetinnen und Propheten warnten die Menschen und riefen zur Umkehr auf: „Wenn ihr so weitermacht, wenn ihr andere Menschen drangsaliert, Ungerechtigkeit nicht bekämpft und Gottes Weisung missachtet, dann werdet ihr geradewegs in den Untergang gehen.“ So kam es auch. Der König von Israel wollte sich zu einem Größeren aufspielen und brach mit dem babylonischen Herrscher, dem er sich einst als Vasall verpflichtet hatte. Dieser, es war der berühmte König Nebukadnezzar, ließ sich das nicht gefallen und überrannte das Land mit seiner Armee und verschleppte die Bevölkerung nach Babylon.
Die Menschen interpretierten das als Zorn Gottes. Aber im Grunde waren sie es, die sich selbst ins Unglück gestürzt hatten. Es folgten 40 Jahre der Neuorientierung in der Verbannung. Bis dann der Perser König Kyrus Babylon eroberte und Israel wieder in die Heimat zurück durfte.
Das ist alles andere als eine Ruhmesgeschichte. Viele Menschen mussten ihr Leben lassen. Überheblichkeit, falsche Selbsteinschätzung und Allmachtsphantasien leisteten ihren tödlichen Beitrag. Immer waren es Menschen, die anderen Menschen das Leben unmöglich machten. Die Bibel spricht da deutliche Worte: die Menschen sind für den eigenen Untergang verantwortlich.
Für mich hat das nichts an Aktualität eingebüßt, wenn täglich Menschen ihr Leben lassen müssen, weil Potentaten meinen, sie seien zu Weltenherrschern berufen. Die österliche Bußzeit fordert uns auf, umzukehren, umzudenken und neu anzufangen. Das kann in allen Bereichen des menschlichen Lebens erfolgen: im Kleinen wie im Großen.
Umkehr ist möglich so sagt Bibel. Am Ende steht dann nicht der Untergang, sondern Gottes Erbarmen und Liebe, denn er hat kein Interesse am Unglück der Menschen.

Wolfram Rösch

Moment mal zum dritten Fastensonntag - Für eine neue Wirtschaftsordnung

Johannes 2, 13-16
Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!

Nicht immer entspricht Jesus dem Bild, das wir uns von ihm machen. Sanft, ruhig, bedächtig oder mit einem Lämmchen auf den Schultern erscheint er nicht wenigen als der „erste neue Mann“ (Franz Alt). Das heutige Evangelium entspricht nicht so ganz diesen Gedanken. Aggressiv und zornig stellt Jesus die Verhältnisse wieder her, die für ihn das Alleinstellungsmerkmal des Tempels sind. Es geht um Gott und nicht um den Warenhandel. Das Gebet und nicht um das Gefeilsche um die besten Preise, sollen hier ihren Ort haben.
Jesus tritt hier ganz in der Figur eines alttestamentlichen Propheten auf. Schon viele Jahre vorher hat Jeremia den Tempel als Räuberhöhle bezeichnet. Nichts hält Jesus auf, wenn er die ökonomische Grundlage des ganzen Tempelbetriebes infrage stellt und – immerhin – kurzzeitig stört. Kein Wunder, dass diejenigen, die davon gut leben ihn nach dem Leben trachten.
Jesus stellt die Verhältnisse wieder richtig. Der Tempel steht für Gott und seine Weisung zur Freiheit und nicht für ein ökonomisches System, das Menschen versklavt; eine Ökonomie, die die Reichen nur reicher und die Armen nur ärmer macht. Jesus klagt das Wirtschaftssystem an. Seine Tempelreinigung ist aktueller denn je.
Kapital und Aktienkurse sind zum Heilbringer geworden. Eine Wirtschaft lebt, wenn sie wächst. Unter die Räder kommen dabei nicht wenige Menschen. Auch die Kirche ist Teil des Wirtschaftssystems geworden. Sie verwaltet hohe Summen an Geld, ist Arbeitgeberin, ihr gehören Liegenschaften und sie bildet Rücklagen.
Alles den Armen abgeben wie damals Franz von Assisi? Das wäre sicher eine Möglichkeit. Vielleicht könnte die Kirche aber auch Vorbild für eine neue Wirtschaftsordnung? Der Mensch steht im Mittelpunkt, so heißt es in vielen offiziellen Schriften zur sozialen Frage. Die Kirche könnte auch Vorreiterin sein, wenn es um gerechte Löhne für wichtige Arbeit geht und noch mehr Transparenz im Umgang mit dem anvertrauten Kapital schaffen.
Gute Ansätze sind vorhanden. Nur bei der Umsetzung gibt es noch Lücken.

Wolfram Rösch

Moment mal zum zweiten Fastensonntag - Wo wohnt Gott?

Rabbi Mendel von Kozk überraschte einst einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren, mit der Frage: »Wo wohnt Gott?« Sie lachten über ihn: »Wie redet Ihr? Ist doch die Erde seiner Herrlichkeit voll!« Er aber beantwortete seine eigene Frage: »Gott wohnt, wo man ihn einlässt!«
Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt. Wir Menschen haben die Fähigkeit, uns selbst zu übersteigen. Der Philosoph Hans Joas bezeichnet das als die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz. Er meint damit: Immer wenn uns etwas Neues aufgeht, wenn uns etwas berührt und uns nicht „kalt“ lässt, wenn uns ein Blick in die Unendlichkeit gelingt, dann geschieht diese Selbsttranszendenz. Hans Joas spricht von Erfahrungen, in denen eine Person sich selbst übersteigt, wenn der Mensch über die eigenen Grenzen regelrecht hinausgerissen wird. Man ist von etwas ergriffen, was nicht in einem selbst liegt. Dieses Ergriffenwerden öffnet die Fixierungen auf das eigene Ich und lässt eine unendliche Weite erahnen. Dazu gibt es nach der Meinung des Philosophens unzählige Möglichkeiten und Anlässe: Freude, Musik, ein Kunstwerk, ein gutes Essen, das Miteinander im Freundeskreis. Der ganz normale Alltag wird dann transparent auf eine tiefe Schicht des Menschseins. Aber, so sagt er auch ganz deutlich: „Wir müssen es wollen, müssen den Deutungsrahmen dazu liefern.“
Gott wohnt dort, wo wir ihn einlassen. Die Fastenzeit kann uns den Impuls geben, Orte der Gottesbegegnung zu schaffen. Wir müssen nicht versuchen, die Herrlichkeit Gottes zu konservieren und sie auf einen Ort fixieren, wie es die Jünger mit den Hütten versucht hatten. Im Gegenteil: wir können aufmerksam werden für die vielen Momente, die über uns hinausgehen und uns neue Perspektiven öffnen. Orte, wo ein gläubiger Mensch Spuren Gottes im Leben entdeckt. Das können Begegnungen sein, die Leben schenken, die zeigen, dass Gottes Nähe mitten unter uns zu erfahren ist.

Wolfram Rösch

Moment mal zum ersten Fastensonntag: Mit sich selbst versöhnen

Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste. Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm. (Markus 1,12-13)
Nicht selten meinen wir, dass Engel und wilder Tiere nicht zusammenpassen. Wilde Tiere muss man wegsperren, bekämpfen oder ausmerzen. Erst dann ist man bereit, Gottes Boten wahrzunehmen, sie als Zeichen seiner Gegenwart in unserem Leben zu deuten. Wir sind überzeugt, dass die Engel nur zu haben sind, wenn man die wilden Tiere vernichtet.
Jesus zeigt uns, dass es anders ist. Er setzt sich den wilden Tieren aus, an einem Ort, an dem er ganz auf sich verwiesen ist, an dem ihn nichts ablenkt von sich und von Gott. Dort kämpft Jesus eben nicht mit den Tieren, er tötet sie auch nicht und versucht nicht, sie zu verjagen. Jesus hält sich aus mit allen Anteilen, die wir Menschen nicht gerne ansehen, die wir gern verdrängen und die nicht in unser Bild passen. Jesus ist versöhnt mit sich selbst: Er lebt mit den „wilden Tieren“.
Jesus weiß sich von Gott geliebt. Für ihn ist das kein theoretischer Überbau, sondern konkrete Lebenspraxis. Er fühlt den Grund der ihn trägt, er hört die Worte, die ihm Mut machen. Er kann sich so wie er ist annehmen. Wer mit sich versöhnt ist, in dessen Leben kann etwas hereinbrechen von der Wirklichkeit Gottes. Da übernehmen nicht auf einmal die wilden Tiere das Regiment, wie man befürchten könnte, sondern da kann etwas von Gottes heilender Kraft zu wirken beginnen.
Kann ich das glauben, kann ich darauf mein Leben bauen? In der Fastenzeit wäre die Chance, sich mit sich selbst zu versöhnen und mit sich in Frieden zu leben.

Wolfram Rösch

Moment mal zum Fest der Heiligen Drei Könige

Wenn im Dezember im Fernsehen jedes Jahr aufs Neue die Helden des vergangenen Jahres gesucht werden, dann fallen uns oft tolle Menschen ein: Olympiasieger, Politiker oder Nobelpreisträger. Helden des Alltags kann man aber auch ganz am Anfang des Jahres sehen. Eigentlich müsste ihre Kleidung schon anzeigen, dass hier besondere Menschen unterwegs sind: mit Gewändern, Kronen und dem Stern sieht man sie mancherorts. Bei Wind und Wetter gehen Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland von Haus zu Haus und bringen den Segen. Sie sammeln Geld für Kinder in ärmeren Ländern und besuchen dabei auch Menschen, an deren Türen es nur noch selten klingelt. Sie sind damit ein Vorbild für das, was Kirche eigentlich sein will. Sie gehen hinaus auf die Straßen und bringen Hoffnung - den Kindern in Indien und uns mit dem Segen an den Türen. Sie fallen auf und nicht in jedem Haus werden sie willkommen geheißen. Sie verschenken ihre Zeit und tun es mit Freude. Gehen wir noch auf die Straße für die Dinge, die wichtig sind und die uns als Christen angehen? Klopfen wir noch an fremde Türen um Segen zu sein? 

Wir müssen nicht bis Dezember warten, bis wir wissen, welche Menschen etwas Besonderes in diesem Jahr tun werden. Sie ziehen gerade durch unsere Straßen. 

 

Moment mal zu Weihnachten - Die Provokation der Hl. Nacht

Eine Geburt stellt vieles auf den Kopf, besonders wenn es das erste Kind ist. Die kleine Familie muss sich neu organisieren. Zwar war das vorher theoretisch schon klar, man hat sich vielleicht in Ratgebern schlau gemacht, doch was es konkret heißt, wird erst klar wenn das Baby auf der Welt ist. Ein Mensch, unverwechselbar, einzigartig, ist da auf einmal auf der Welt. Man freut sich über das Kind, die überstandene Geburt und die Mutter genießt die tiefe und innige Nähe mit dem Neugeborenen.
Nicht selten bleibt da die Zeit einfach stehen. Man denkt nicht an morgen, an die kommende Woche oder gar die nächsten zehn Jahre. Sondern genießt den Augenblick und verlängert ihn in die Unendlichkeit. Diese Momente sind kostbar und einzigartig, wenigsten solange bis die Kleine oder der Kleine ihr Recht auf Nahrung einfordert. Ein Neugeborenes zeigt uns die ganze Bandbreite, was es heißt, Mensch zu sein: verletzlich, abhängig, bedürftig, liebenswürdig. Im Kind ist das Anfängliche, das sich noch entwickeln wird, zusehen. Ein neugeborenes Kind kann Hoffnung schenken. Es ist ein Symbol für die Unschuld, unbelastet durch Konflikt und Streit. Das Leben geht weiter, Neues kann wachsen und entstehen.
Das Christentum knüpft seine Hoffnungsgeschichte an ein kleines Kind. In der Deutung der Evangelisten ist in dem Neugeborenen Gott gegenwärtig. Ein wunderschönes Bild, das da die ersten Christen geprägt haben. Nochmals wird das Menschenbild der Bibel durchbuchstabiert, das ganz am Anfang der Schrift steht. Jeder Mensch, ich, du sind Ebenbilder Gottes. Das heißt auch in mir, indem was mich ausmacht ist Gott zu sehen. Und umgekehrt: jeder Mensch ist ein Bild und Zeichen für die Nähe Gottes. Welch eine Provokation der Heiligen Nacht.

Vanessa Hinrichs

Moment mal zum 4. Advent - "Für Gott ist nichts unmöglich"

Der Evangelist Lukas spricht im Evangelium des vierten Advents davon, dass die Jungfrau Maria ein Kind empfangen habe. Die Aussage fordert heraus, denn wie können wir diese Aussage heute verstehen, ohne gleich biologische oder medizinische Lösungen anbieten zu müssen?
Lukas erzählt, dass Gott mit diesem Kind einen heilbringenden Neuanfang in der Geschichte der Menschheit setzt. Es ist ein gnadenhafter Neubeginn, der wie damals ganz am Anfang der Welt und der Geschichte Gottes mit den Menschen aus der schöpferischen Kraft des Heiligen Geistes seinen Ursprung hat. All dies ist ein wirklicher Neubeginn, der nicht eine Fortsetzung der bisherigen Menschheitsgeschichte darstellt. Gott setzt die ursprüngliche Initiative.
Papst Benedikt XVI, Joseph Ratzinger erläuterte es schon vor über vierzig Jahren folgendermaßen: „Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein seinsmäßiges Faktum…“ (Einführung in das Christentum, 225) Weiter stellt er fest, dass es uns noch nicht gelungen sei, eine zeitgemäße Sprache für die Erläuterung der Jungfrauengeburt zu finden.
Aber was bleibt? Zugegeben ziemlich viel Dogmatik, also Erläuterung des christlichen Glaubens. Aber vielleicht kann uns das Bekenntnis auch folgendes sagen:
Gott spricht uns Menschen mitten im Alltag an, wahrscheinlich gerade dann, wenn wir nicht damit rechnen. Gottes Geschichte mit uns Menschen möchte sich ständig durch uns leibhaftig erzählen. Gott ist in jedem von uns. Daher kommt das kostbarste, mit dem wir die Welt bereichern, oder gar befruchten können, nicht aus uns selbst, oder ist uns von anderen Menschen gegeben worden, sondern stammt vom Heiligen Geist. Maria kann uns dabei ein Vorbild sein, denn sie ließ sich ganz auf Gottes Anruf ein.
Gott möchte durch seinen Heiligen Geist auch in uns Neues schaffen. Wir dürfen nicht zu klein von uns denken. Wir können wie Maria Gott zutrauen, dass er Großes in uns und aus uns heraus wirkt. Und das gilt ganz besonders uns Männern, die wir uns vielleicht eher mit den Zweiflern des Evangeliums wie Zacharias identifizieren können, „denn für Gott ist nichts unmöglich!“

Wolfram Rösch

Moment mal zum 3. Advent - Gottes Zeit hat begonnen.

Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns. Es ist gegenwärtig in den vielen Zeichen der unsichtbaren Gegenwart Gottes. Seine Zeit beginnt, wenn Menschen neuen Lebensmut erhalten, sich nicht mit dem Gegebenen abfinden, die Stimme erheben, wenn sie zum Schweigen verurteilt sind, sich nicht mit einer Randposition zufrieden geben, weil sie vielleicht als abstoßend wahrgenommen werden, wenn Menschen sich nicht als zu betreuende Objekte, sondern selbst handelnde Subjekte erfahren. Gottes Befreiungsbewegung hat ihren Anfang genommen. Mitten unter uns.
Unsere Gesellschaft steht in einem Umbruch. Wir merken: viele Konzepte sind nicht mehr tragbar geworden, alte Entwürfe greifen nicht mehr. Neues muss sich entwickeln können. Wichtig wäre, dass wir uns als Kirche diesem Prozess nicht verschließen. Treibende Kraft hierbei könnte das biblisch-christliche Menschenbild sein. Es stellt ganz deutlich die Einzigartigkeit und Würde eines jeden Menschen in den Mittelpunkt. Und es sagt: Menschen dürfen eben nicht unter die Räder eines immer mehr und effizienter geraten.
Gottes Zeit hat begonnen, daran erinnert uns immer wieder der Advent. Den Hoffnungslosen wird eine Hoffnung gegeben. Das Unwahrscheinliche und Menschenunmögliche wird verheißen. Zukunftslose erhalten Zukunft. Totes kann lebendig werden. Neues darf entstehen. Wir sind berufen, Gottes Zeit in der Gegenwart lebendig werden zu lassen, eine Zeit, die wirklich alles auf den Kopf stellt.

P. Beda Löhner

Moment mal zum 2. Advent: Der Rufer in der Wüste

Johannes sieht sich in der Tradition der alten Propheten, denen er auf einmal nicht nur durch die alten Schriften, sondern mit Haut und Haaren nahe ist. Auch er kritisiert, ist unbequem und unangepasst, er gibt sich nicht zufrieden mit dem, was er vorfindet. Er mahnt und führt den Menschen ihr todbringendes Handeln vor Augen. „Noch ist es Zeit, einen neuen Weg einzuschlagen“, lautet seine Botschaft. Doch er ist kein Querulant, der alles besser weiß, der hohle Worte von sich gibt, der sofort die Welt ändern könnte, aber sich schnell zurückzieht, wenn es heißt anzupacken.
Neues beginnt, weitab, draußen in der Einöde. Wie damals bei seiner Geburt. Die Menschen kommen zu ihm, verändern, wandeln sich, verzichten auf Gewalt, entdecken Gott in ihrem Leben und lassen alles zeichenhaft von sich abwaschen, was sich auf Haut und Haaren angesammelt hat. Was ihre Herzen schwermacht, was die Sicht trübt, fließt dahin im Jordan. Johannes setzt einen Anfang, der anderen Mut macht: zum Widerstand, zum Zorn gegen Unrecht, zum Zweifel gegen alles, was als festgezurrt und unveränderlich angepriesen wird; Mut zur Vision von Gottes Nähe.
Ein Anfang ist gesetzt. Jetzt heißt es, den glimmenden Docht nicht auszulöschen, das Wasser des Lebens nicht versiegen zu lassen, die Umkehr zu wagen, sich zu trauen, nicht zu schweigen, auch wenn andere besser formulieren, oder lauter reden können.
Und wir: 2000 Jahre nach diesem Ereignis da unten am Jordan, in der Wüste. Wir dürfen ihm folgen, den Weg hinein in die Wüste wagen, dort wo eigentlich niemand sein mag. Hier können wir unsere Erfahrungen machen, umkehren, Leben ermöglichen. In der Wüste menschlicher Beziehungen, in der Einsamkeit in die Menschen gesetzt werden, weil sie keinen Zugang zu Bildung, Kultur und Wissen haben, weil ihnen das nötige Geld fehlt, in die Verwüstung des Lebens durch Krieg und Zerstörung, in die Einöde menschlicher Existenzen. Und wir trauen uns dort – angestiftet durch den Täufer – zu teilen, nicht nur den Mantel, sondern auch das Leben. Ein anderer Prophet hat es vor Urzeiten geschaut, jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Die Wüste erwacht zum Leben. Neues entsteht am Wasser, zaghaft bricht dort das erste Grün hervor. Leben, wo sonst nur der Tod herrscht. Und wir können Lebenszeichen setzen auch wider die Vernunft.
Auf einmal steht er neben uns, mitten in der Gemeinde, in unserer Welt. Lebendig mit seinem wirren Haar, dem langen Bart, dem Mantel, dem Lederriemen. Johanaan ben Zecharya. Er, der wilde Mann, wird vielleicht ein wenig lächeln und auf den zeigen, der nach ihm kommt und doch schon längst vor ihm war. Und er spricht zu uns: Gott ist gnädig, ja das stimmt, denn er hat uns seinen Retter gesandt. Jehoschuah – Gott rettet.

Wolfram Rösch

 

Moment mal zum ersten Advent: Ziel erreicht

Ich bin Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, aktiv im Dienst  und ausgebildet, den schweren Atemschutz zu tragen. Das ist eine Gesichtsmaske, die mit einer Druckluftflasche auf dem Rücken verbunden ist. Damit sind die Feuerwehrleute gegen Rauch und gefährliche Gase geschützt. Das Gesichtsfeld ist dabei eingeschränkt und man spürt auch ganz deutlich das Gewicht der Flasche. Einmal im Jahr müssen wir zeigen, dass wir für den Atemschutz tauglich sind. Wir legen einen Belastungstest mit der angelegten Maske ab. Die Luft erhalten wir aus der Flasche.
Es geht los mit leichten Betätigungen, man auf einem Hometrainer eine bestimmte Strecke zurücklegen. Anschließend folgt die „Strecke“. Diese geht man immer zu zweit. Das ist ein enger, langer und dunkler Drahtgang, der mit Disco-Nebel gefüllt ist. Hier muss man den Weg ins Freie finden. Man sieht selbst mit der Lampe kaum etwas. Man geht gebückt, oder auf allen vieren, muss sich durch Schachtdeckel zwängen und schließlich noch durch ein enges Rohr, das man nur zu zweit schaffen kann. Dann ist man wieder draußen im Hellen.
Am Ende der Prüfung stehen etliche Meter auf dem Laufband und dann die sogenannte Endlosleiter. Sie scheint wirklich kein Ende zu nehmen Immer wieder kommen Sprossen von oben, auf die man dann steigen muss. Diese werden dann durch eine Kette nach hinten geführt und kommen bald wieder von oben herab. Bei dieser Prüfung muss man eine bestimmte Höhe senkrecht „hochsteigen“.
Die Zeit auf der Leiter kommt mir unendlich vor. Man sieht nicht wie weit man schon gestiegen ist, denn der Abstand zum Boden und zur Decke bleiben immer gleich. Die Leiter hört nicht auf. Man steigt und steigt, man schwitzt, die Flasche drückt auf den Rücken und ich spüre die Anstrengung. Oft meditiere ich dabei und spreche das Herzensgebet: Einatmen, ausatmen, bewusst mit den Händen greifen, die Füße sicher setzen, Sprosse für Sprosse. Nach und nach komme ich in einen Rhythmus, der Weg wird erträglicher. Plötzlich geht es langsamer. Die Leiter läuft aus und sie bleibt stehen, endlich. Vom Leitstand heißt es: „Fertig, du hast bestanden!“
Der Streckendurchgang ist für mich ein Bild des Advents geworden. Das heißt für mich: Ich muss mich aufmachen, der Weg ist oft nicht so deutlich zu sehen, liegt vielleicht im Dunkeln und man weiß nicht genau, wohin es geht. Manchmal erscheint es endlos. Ich darf nicht stehen bleiben oder resignieren, sondern muss weiter zum Ziel gehen. Das fällt mir nicht immer leicht. Aber dann erlebe ich wie bei der Feuerwehr, dass ich auf einmal das Ziel erreicht habe, unerwartet und unverhofft wie ein Geschenk. Ich wünsche Ihnen einen guten und gesegneten Weg durch den Advent.

Wolfram Rösch